Hast Du jemals bemerkt, dass ein Sound anders klingt, wenn man ihn durch Effekte auf einem hohen oder niedrigen Niveau laufen lässt? Das ist einer der Gründe, warum Gain-Staging so entscheidend ist. Trotzdem sind ein Großteil der Mixe zu laut, die ich von anderen zum Mixen bekomme. Entweder übersteuert es auf dem Master oder noch schlimmer, bereits in einzelnen Spuren. Die meisten Leute nehmen einfach die Lautstärke auf dem Master zurück und belassen es dabei, fragen sich aber dann, warum der Mix so übel klingt. Es ist keine Überraschung, wenn man die Effekte überlastet, egal, ob es sich dabei um Live-Effekte oder Plug-Ins handelt. Ehrlich gesagt, ist dies wahrscheinlich die Quelle des Mythos, dass Ableton Live nicht so gut wie andere DAWs klingt.

In den Tagen des analogen Mixens musste man ein Gleichgewicht finden zwischen einem Sound, der so hoch wie möglich über dem Grundrauschen war, während man genug Spielraum lassen musste, damit man nicht übersteuerte.  Heutzutage ist das Grundrauschen im allgemeinen so niedrig, so dass es kaum eine Notwendigkeit gibt, sorgfältig das Signal-zu-Rauschen-Verhältnis auszugleichen. Doch während analoges Übersteuern recht gut klingen kann, ist dies nicht der Fall im digitalen Bereich. Dort produziert Übersteuern eine enharmonische Verzerrung, die einfach nur hässlich klingt. Denke Dir daher das Gain-Staging als einen Sicherheitspuffer, um Verzerrungen und einen überlasteten, übersteuerten Mix zu vermeiden.

Der Signalfluss

Bevor wir über Gain-Staging sprechen, sollten wir schnell den Signalfluss in Live durchgehen. Ich habe gemerkt, dass dies etwas ist, dessen sich viele Nutzer nicht wirklich bewusst sind. Dennoch ist es wichtig, ihn zu verstehen.

Der Signalfluss in Ableton Live

Der Signalfluss in Ableton Live

Das Signal in einer Spur kommt ursprünglich entweder aus einem Clip oder einer Eingangsquelle (externes Instrument oder Mikrofon, umgeleitete Spur), wenn es sich um Audio handelt. In MIDI-Spuren bekommen wir natürlich nur Audio, nachdem im MIDI-Instrument die MIDI-Daten in Töne umgewandelt wurden. Dann geht es an die Gerätekette in der Spur (wie in der Geräte-Ansicht von Live angezeigt)  in das Gerät ganz links (oder direkt nach dem MIDI-Instrument auf MIDI-Spuren), dann durch jeden Audio-Effekt in der Spur von links nach rechts. Schließlich läuft der Ton durch das Mixerelement mit Lautstärke und Balance, bevor es entweder an die Master-Spur oder eine andere Spur geleitet wird, wie in den Audio To Einstellungen eingestellt.

Nimm sie runter

Gain Staging with the Utility Effect

Wenn also das Signal zu heiß aus einem Clip kommt, haut einfach die Lautstärke runter drehen dann nicht hin. Eben, weil die Lautstärke im Signalfluss zuletzt kommt. Viele der Clips, die mit der Live Library ausgeliefert oder zum Kauf angeboten werden, sind sehr laut und müssen angepasst werden. Das gleiche gilt für Presets von MIDI-Instrumenten. Verwende die Lautstärkeeinstellung in den Live Instrumenten oder Plug-ins dafür.

Wenn Du ein externes Signal aufnehmen willst, stelle sicher, dass Du die Aufnahmelautstärke auf einem anständigen Niveau festgelegt hast, so dass Du auch Verzerrungen vermeidest, wenn der Ton plötzlich lauter wird. Das ist besonders wichtig, wenn Du Gesang aufnehmen willst, da die Lautstärke einer Stimme zwischen einem Flüstern und einem Schrei schwanken kann. Die Faustregel ist die durchschnittliche Lautstärke bei etwa -10 bis -12 dB zu halten. Vergiss nicht, die Position vom Mikrofon in Bezug auf die Entfernung zum Computer und anderem Equipment zu testen, was Rauschen hinzufügen könnte. Wenn Du etwas aufnehmen willst, was selbst Rauschen erzeugt, stelle sicher, dass der Geräuschpegel deutlich über dem Grundrauschen ist, ohne zu verzerren.

Wenn Du bereits einen Clip in der Spur in Live hast, könnte man natürlich einfach den Gain-Pegel innerhalb des Clips herunterziehen. Dies ist jedoch kein neutrales Verfahren in Live und könnte den Ton verändern. Stattdessen füge den Utility-Effekt als erstes Gerät in der Effektkette in jeder Spur hinzu und passe das 'Gain' entsprechend an.

Übersteuerung muss auf allen Spuren vermieden werden, die aus Live weitergeleitet werden. Dies ist in erster Linie der Master, aber das hängt auch von Deinen Routing-Einstellungen im Live Set ab. Vergiss nicht, ein Auge auf die Master-Lautstärke zu halten. Es sollte nicht nur im grünen sein, sondern auch einen Überhang von etwa -3 bis -6 dB für das Mastering lassen.

Vergiss die Effekte nicht

Nun, da wir die Lautstärke des Clips oder einer anderen Eingangsquelle eingestellt haben, wird das Signal durch die verschiedenen Effekte auf der jeweiligen Spur fließen. Nicht jeder Effekt wird auf der gleichen Lautstärke wiedergegeben, wie er sie empfangen hat. Oft absichtlich. Auch hier müssen wir dafür sorgen, dass die Pegel sinnvoll sind. Zum Glück haben wir kleine Meter zwischen den Effekten, die zeigen, wenn die Lautstärke im grünen oder rot ist. Die meisten Effekte, ob es sich nun um native Live-Effekte oder Plug-Ins handelt, bieten beide of Ausgangsregler. Einige haben sogar einen für das Eingangssignal. Nutze sie, um mit Verstärken oder Abzuschwächen ein gutes Lautstärkeniveau zu erreichen.

Gain Staging in the Device Chain

Gain Staging in the Device Chain

In der Musik gibt es immer Ausnahmen von der Regel. Manchmal muss man ein Signal zu heiß mixen, um einen bestimmten Klang zu erzielen. Wenn das der Fall sein sollte, stelle nur sicher, dass am Ende am Ausgang kein Übersteuerung mehr vorkommt.

Ein kleiner Tipp: Wenn die Lautstärke Deines Tracks insgesamt zu leise zu sein scheint, lasse die Fader in Live in Ruhe und korrigiere sie stattdessen über Dein Audio-Interface, dessen Steuerungssoftware oder die Monitore. Lass den "alles laut machen" Teil fürs Mastering.