Anwendungsfall: Digital Jam Session für Telekom auf der IFA 2017

Ich habe vor kurzem einen sehr interessanten Freelance-Job für die Telekom auf der IFA gemacht. Der Auftrag war, eine "Digital Jam Session" zu produzieren, bei der Menschen aus dem Publikum mitmachen und einen gut klingenden Track gemeinsam erschaffen können. Aber das war nicht alles.

Telekom: Digital Jam Session auf der IFA 2017

Weitere Einschränkungen:

  • Die Controller sollten sehr visuell sein, damit die Leute, die am Jam teilnehmen, und der Rest des Publikums zumindest ein grobes Verständnis davon haben, was geschehen würde.
  • Alles, was über Wi-Fi oder Bluetooth läuft, war ausgeschlossen, da auf einer Messe viele Interferenzen zu erwarten waren.
  • Das Setup musste in einer Minute möglich sein, da der Jam als Teil von Promo-Segmenten passieren und dreimal täglich wiederholt werden würde.
  • Da die meisten Menschen sehr wenig musikalische Fähigkeiten oder Kenntnisse haben, musste das Live Set musikalische Grenzen setzen, die Fehler so weit wie möglich beseitigen würden. Der einzige Weg, jemanden etwas melodisches oder harmonisches live spielen zu lassen, war, die verfügbaren Tasten/Pads auf eine ausgewählte Tonart zu beschränken.

Eine ganze Reihe von Einschränkungen, aber ich mag es, mit ihnen zu arbeiten, und ich liebe eine gute Herausforderung.

Da die Frist sehr, sehr eng war, musste ich ihnen die Liste der zu verwendenden und benötigten Ausrüstung innerhalb von drei Tagen schicken. Im Allgemeinen hätte ich angefangen, zuerst die beiden Tracks zu kreieren, die den Kern des Jams bilden würden, und dann das technische Setup herausarbeiten. Sie wollten, dass ich ein (zwischendurch sogar zwei) iPad, Push sowie einen Synthesizer integriere.

Ich hatte mich entschlossen, nur einen Computer mit Ableton Live zu benutzen, und einen Synth mit speicherbaren Presets, da das Setup so schnell wie möglich bereit sein musste.

Atmos Live Set in seiner endgültigen Form

Anfängliches Controller-Setup (ungetestet):

  1. Der Ableton Push im Note-Modus und In Key zum live Spielen von glockenartigen Arpeggios. Die ersten vier Encoder würden den Chain-Selector (Kettenauswahl) steuern, um Sound-Presets sowie Parameter des Arpeggiators zu ändern.
  2. Das Novation Launchpad zum Triggern von Clips auf 8 Spuren für Beats und Percussion. Mit einer Quantisierung von mindestens 1 Takt.
  3. Die Novation Bass Station II würde den Bass-Sound liefern, während einige der Synth-Parameter sowie ein Auto-Filter mit einem Leap Motion (Gesten-basierter Controller) moduliert werden würden.
  4. Der AKAI MPD218 zum live Triggern von verschiedenen One-Shots (inkl. angeforderter Vocal Samples meiner Stimme) in einem Drum Rack.
  5. iPad # 1 würde touchAble über die normale USB-Verbindung laufen lassen und für Keys verantwortlich sein.
  6. iPad # 2 würde Lemur mit XY-Pads oder ähnlichem Effekte im Live Set über ein MIDI-Interface steuern.

Probleme

Das erste Problem entstand, als sie erkannten, dass man MIDI-Controller und Synths nicht einfach überall mieten kann. So müssten sie entweder gekauft, von mir mitgebracht oder an anderer Stelle ausgeliehen werden. Sie kauften das Launchpad (meins ist kaputt), den MPD218, ein iConnect, einen USB3-Hub und einige USB-Kabel. Sie würden auch die iPads zur Verfügung stellen und die Controller-Apps kaufen.

Ich würde mein MacBook Pro, Audio Interface, Push 2 und Leap Motion mitbringen. Ich musste auch einen Ersatz für die Bass Station II finden. Nach einigen Tests entschied ich mich, meinen OP-1 mit der Kurbel zu verwenden, mit der die Geschwindigkeit des LFO erhöht werden konnte. Sehr leicht zu verstehen und sehr visuell.

Nachdem ich einen ihrer iPads bekommen hatte, versuchte ich, touchAble einzurichten, konnte es aber niemals mit dem Server verbinden. Googeln des Problems zeigte schließlich, dass es ein Bug war, nicht, dass ich zu müde war, um es richtig um 3 Uhr morgens einzurichten. Das Einrichten von Lemur dagegen war einfach, so dass ich dachte, ich würde das zweite iPad erst einmal ignorieren.

Das gesamte Segment "Digital Jam Session" sollte etwa 5 Minuten lang sein. Dazu gehörte der/die Moderator(in), der/die mich und die Idee vorstellen würde, bis zu sechs Freiwillige aus dem Publikum zu finden, die Rolle jedes Spielers zu erklären und etwa 3 Minuten Jam. Für mich klang das ziemlich unmöglich, aber ich hatte im Laufe der Jahre gelernt, dass Kunden in der Regel etwas nicht funktionieren sehen müssen, um ihre Idee aufzugeben und Deine zu akzeptieren.

Moods

In der Zwischenzeit habe ich zwei "Moods" (Stimmungen) komponiert, um dem Klienten einen groben Entwurf vorspielen zu können, wie die Jam-Sessions klingen könnten. Der erste (von mir Atmos genannt), der atmosphärischere Track wurde sofort angenommen. Dem zweiten (Moxie, mehr getrieben und cluborientiert) wurde mit Zurückhaltung begegnet. Nach einem 40-minütigen Telefongespräch hatte ich dann herausgefunden, dass sie wollten, dass die Beats anfangs weniger heftig sein sollten, und Dur statt Moll, um sie glücklich zu machen.

Mood One aka Atmos:

Mood Two aka Moxie:

In Wirklichkeit waren diese beiden "Stimmungen" die beiden verschiedenen Live-Sets, mit denen die Leute jammen würden. Zuerst wollten sie drei, aber das Vorproduzieren und Mixen von drei Tracks in so kurzer Zeit wäre unmöglich gewesen. Und es war klar, dass ich die richtigen Sounds wählen und die meisten Teile vorproduzieren musste. Nur die Leute, die Push und das MPD218 kontrollieren würden, würden Elemente auf eigene Faust hinzufügen.

Änderungen

Da sie meinen eigenen Sound gemocht hatten, ließen sie mich einfach machen, also habe ich ziemlich viele Presets und Sounds von den kostenlosen Sonic Bloom Live Packs benutzt. Beide Tracks hatte ich erst am Morgen des ersten Probe-Tages von dreien fertiggestellt und wusste, dass ich sowieso Änderungen vornehmen müsste. Wie recht ich haben würde. Der Leap Motion war eine nette Idee, aber das Bühnenlicht verwirrte den Sensor teilweise, und es dauerte eine Weile, bis die Leute ein Gefühl für die richtigen Gesten fanden. Zeit, die wir nicht hatten. Es gab auch keine Zeit, um fünf Freiwillige zu bekommen, jeden Controller zu erklären und das jeweilige Publikumsmitglied ihn versuchen zu lassen.

Ich hatte Chain-Selectors und gemappte Parameter für die meisten Controller hinzugefügt, aber es stellte sich heraus, es gab weder Zeit, alles zu erklären, noch war es eine gute Idee. Die meisten Testteilnehmer waren überwältigt und drückten einfach alle möglichen Pads, Tasten und drehten Knöpfe, was zu katastrophalen Folgen führen könnte. Also habe ich einfach verschiedene Presets vor jedem Jam eingestellt, um Variation hinzuzufügen. Hatte ich erwähnt, dass jeder Jam auf Soundcloud hochgeladen werden sollte (und später wurde)?

Einer der Jams mit Teenager-Mädchen:

Ich habe den Leap Motion mit dem iPad ersetzt und nur ein XY-Feld für den Autofilter als Steuerung in Lemur hinzugefügt. Zusammen mit der Kurbel auf dem OP-1 schienen die Leute mit dem Bass Spaß zu haben.

Die arpeggierten Melodien auf dem Ableton Push 2 und die Samples auf dem MPD218 waren leicht zu verstehen, und Testkandidaten waren begeistert bei der Sache. Das Launchpad mit quantisierten Clips hat sich in seiner Funktion aber überhaupt nicht übersetzt. Darüber hinaus dachten die Moderatoren und ich, dass die Suche nach drei Menschen, sie auf die Bühne zu bekommen, ohne zu wissen, ob sie sich lächerlich machen könnte, wäre teils schwierig genug. Wir mussten am Ende zweimal von allen Sessions jemandem von unserem Team als Teil des Publikums ausgeben. Ich habe auch gelernt, dass, wenn man auf jemanden von einer Bühne zeigt, sie sich oft verpflichtet fühlen, teilzunehmen.

Die letzten Änderungen

 

Also haben wir beschlossen, dass ich das Launchpad übernehmen würde, das nun die ersten 8 Spuren des Sets kontrollierte. Beats und Percussion Clips (die ersten sechs), sowie Clips für Bass und Keys. Vorher sollte ich eine Art Dirigent sein, und würde Vorschläge über das PA-System machen. Das hat gar nicht funktioniert, denn die Musik wurde von den Mikros über Sidechain-Kompression heruntergedrückt, so dass weder die Leute auf der Bühne noch ich noch hören konnten, was wir gerade taten. Stattdessen übernahm ich die Rolle der Bandchefin, die dem Jam ein Skelett von Klang und Rhythmus verleihen würde, so dass die anderen Spaß drum herum haben könnten. Wenn irgendetwas schief ging, konnte ich immer einschreiten.

Mein Audio-Interface, das MIDI-Interface, der USB-Hub und etwa die Hälfte der Kabel wurden in die beiden Flightcase-Tische geschraubt. Auf diese Weise sah der Tisch ordentlich genug aus, und das Setup würde minimal sein. Sobald die Stromversorgung angeschlossen war, musste ich nur noch mein Audio-Interface als Audio-Eingangs- und Ausgangsquelle einstellen, das OP-1 einschalten, den Bass-Sound mit zwei Tastendrücken einstellen, den LFO einstellen, dass er von der Kurbel angesteuert wurde, und kurz zu testen, ob die Ausgabe funktionierte.

Ein paar Mal wollte das OP-1 nicht angehen (was sich als eine unsichere USB-Verbindung erwies), aber ich hatte eine zusätzliche Spur mit einem Bass-Live-Preset nur für den Fall bereit gehalten.

Die erste "Digital Jam Session" mit echten Publikumsmitgliedern hat total Spaß gemacht. Es war die lustigste von allen für mich. Ein deutscher YouTube-Star, von dem ich noch nie gehört hatte, war für später geplant, so dass viele Teenager-Mädchen im Publikum waren. Drei sprangen so ziemlich sofort auf die Bühne, und hatten sich richtig ins Zeug gelegt. Insgesamt waren die jüngeren Leute alle eher bereit, mit mir zu jammen, die Erwachsenen waren oft wesentlich zurückhaltender.

Einer der Jams am 3. Tag mit 3 Teenager-Jungs

Du kannst alle Digital Jam Sessions auf Soundcloud anhören und herunterladen.

By | 2017-09-15T12:36:50+00:00 September 15th, 2017|Neuigkeiten|2 Comments

About the Author:

Madeleine Bloom is a musician, producer, multi-instrumentalist and singer from Berlin. She studied Electroacoustic Music at the Franz Liszt Conservatory. In the last few years she's worked as a technical support for Ableton and has helped countless people with her in-depth knowledge of Ableton Live, various other music apps as well as audio engineering.

2 Comments

  1. Mortimer Oktober 11, 2017 at 17:57 - Reply

    Tim Ferris (aka berühmter Freak) sagt dass es Quatsch ist, lange Deadlines für Projekte zu setzen, weil man sich dann eher verplant und alles mögliche einbezieht, das eigentlich unnötig ist. Er plädiert für ultrakurze Planungszeiträume, weil der Mensch unter diesem Druck erst richtig kreativ wird und Ergebnisse produziert. Was du hier aufgesetzt hast finde ich echt geil und sehr kreativ! Es ist schon schwer für sich selbst ein gutes Live-Setup mit Ableton aufzubauen, eins mit dem man viele Möglichkeiten hat aber nicht zu viele Knöpfe dafür drücken muss. Und das dann noch leicht zugänglich für Ahnungslose zu machen – hauaha, Hut ab! Und es ist sogar Musik dabei rausgekommen, wer hätte das gedacht ;)

    • Madeleine Bloom Oktober 17, 2017 at 21:16 - Reply

      Danke. Musik rauskommen war Vertragsbedingung. ;)

      Ja, ich musste meinen Schlaf pro Nacht auf 4 Stunden runter kürzen und 19 Tage am Stück durcharbeiten, um das irgendwie zu schaffen. Da war die Deadline einfach viel zu kurz.

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